Cutterstrophen

Von einem, der heimzog, weil er die Welt nicht verstand

Eine 180°-Drehung, bitte!

Hamburg. Es ist der 13. Oktober 2012. Draußen ziehen dunkle Wolken vorbei, aber auch das kann meine Laune nicht verderben. Ich drücke auf „Print“, nehme das DIN A4-Papier aus dem Drucker und gehe ins Büro meines Chefs. „Ich kündige!“ Seine Reaktion war ein Mix aus „Ich habe schon damit gerechnet.“ und „Das ist echt schade!“. Schön auch der letzte Satz „Zum Glück bist du wenigstens noch bis Ende Januar (2013) da!“

Hamburg. Es ist der 17. Dezember 2012. Draußen ziehen dunkle Wolken vorbei, aber auch das kann meine Laune nicht verschlechtern. Vom einstigen „Lieblingskind des Chefs“, das ich laut einigen Kollegen die letzten vier Jahre war, ist scheinbar nichts mehr übrig geblieben. Ein weiteres vermutlich letztes Gespräch beende ich nach seinen folgenden Worten: „Wenn ich will, kann ich in der Werbebranche einfach Schlechtes über dich verbreiten. Dann wirst du mal sehen, wie weit du noch kommst!“

Bitte, was? Genau richtig: Ich verstehe nicht, wie Menschen sich – scheinbar aus verletztem Stolz – innerhalb so kurzer Zeit so verändern können. Ich, das Lieblingskind, das so oft mit Gänsehaut aus den unfassbar positiven Feedback- und Jahresgesprächen gegangen ist, bin auf einmal ein Intrigant, der die gesamte Agentur aufstachelt. Die einst unfassbar tolle Agentur mit dem perfekten Team, die innerhalb von 2 Jahren komplett zugrunde gerichtet wurde. 9 Kündigungen (bei einem Team von 14 Mann) innerhalb von etwas mehr als einem halben Jahr sind ein Beleg dafür, dass hier irgendwas aber komplett schief läuft. Nicht so in den Augen des Chefs. Der bekam auch nach zig Gesprächen mit fast allen Mitarbeitern niemals die Augen auf für das, was um ihn herum geschah. Und Schuld daran ist er schon mal gar nicht, obwohl er bei jeder Kündigung mindestens 50% Anteil hatte, einmal sogar – niveaulos, aber zurecht – bei einer Kündigung als Arschloch bezeichnet wurde.

Er, ein Mensch, dem ich noch vor 2 Jahren meinen Liebeskummer anvertrauen hätte können, der jetzt einer Kollegin regelmäßig die Hölle heiß macht, obwohl sie gerade erst ihren Mann verloren und ganz andere Probleme hat. Er, ein Mensch, der reihenweise Fehler macht, seine Angestellten aber beim kleinsten Fehler ihrerseits zur Sau macht. Er, ein Mensch, der vielleicht jetzt – viel zu spät – erkannt hat, was passiert ist, und dafür einen Sündenbock sucht. Und wer bietet sich dafür besser an als jemand, der schon gekündigt hat und bald weg ist?

Ich bin fassungslos, welche Abgründe sich bei Menschen auftun können. Ich habe schon häufiger Wandlungen im Verhalten und im Charakter von Menschen mitbekommen, doch so schäbig und niveaulos hat es noch niemand geschafft. Ich könnte ihm jetzt sonstwas an den Hals wünschen, aber auf sein Niveau werde ich mich niemals begeben. Und damit bin ich ironischerweise genau der „tolle Typ mit wahrer Größe“, der ich für ihn die letzten vier Jahre war. Bis zu meiner Kündigung.

Advertisements

„Wir melden uns!“

Es ist 2008, das Ende des Studiums steht bevor. Und damit auch das Ende der aktivsten Feier- und Freizeit. Ein Ende, das es in sich hat: die letzten Scheine ergattern, beim Radio moderieren, zusätzlicher Job für die Kohle und last but not least: Bewerbungen schreiben. Stress pur! Zumindest für mich und zig meiner Kommillitonen. Für die andere Seite – die Agenturchefs, Chefredakteure und Co. – eher nicht. Sie müssen nicht nach Jobs suchen, sie müssen sich keine originelle Bewerbung ausdenken und sie dann besonders einzigartig zu gestalten. Sie müssen sie nur lesen, eine Antwort erwartet doch kein Bewerber.

Bitte, was? Genau richtig: Ich verstehe nicht, wo genau das Problem auf Arbeitgeberseite liegt. Bei mir hat es damals zum Glück relativ schnell mit dem ersten festen Job funktioniert, bei anderen hat es Monate oder Jahre gedauert, egal wie gut oder erfahren sie waren. Klar, das kann passieren: Pech, schlechtes Timing oder es passt einfach nicht. Damit kann auch jeder – zumindest eine Zeit lang – leben. Aber dass bei gefühlt der Hälfte aller Bewerbungen weder eine Eingangsbestätigung kommt, noch eine Absage, ist an Arschlochtum kaum zu überbieten.

Können sich die Damen und Herren nicht mehr daran erinnern, wie schwer, kräfteraubend und nervenaufreibend diese Zeit ist? Wieviele schlaflose Nächte es für einige Bewerber bedeutet? Ist es denn zuviel verlangt, wenigstens eine einzige Mail zu schreiben?

Wenn man einen sicheren und gut bezahlten Job hat, kann man das alles eigentlich komplett ruhig angehen. Aber trotzdem nervt diese Ignoranz einiger Agenturleute extrem. Leider ist es zumindest in unserer Branche so, dass sich die guten Werbeagenturen ihre Leute tatsächlich aussuchen können, weil es – noch – immer zig Bewerber für jede Stelle gibt. Das veranlasst die Entscheider offensichtlich dazu, dass sie sich nur für die potenziellen Kandidaten Zeit nehmen. Der Rest wird nicht mal informiert, dass sie in diesem Kreis keinen Platz gefunden haben. Und diejenigen, die momentan keinen Job haben und darauf angewiesen sind, sitzen bibbernd zuhause und prüfen im Viertelstundentakt ihre Mails, ob nicht doch mal einer geschrieben hat. Ich hoffe, dass ich nie mehr in eine solche Situation gerate!

Doch alleine eine Rückmeldung ist noch nicht das Ende der komischen Machenschaften der von Agenturen: Kommt es dann tatsächlich mal zu einem Gesprächen, wird man mit Lob überschüttet und praktisch schon eingestellt. Da werden Handynummern ausgetauscht und private SMS geschrieben. Da soll schon ein unterschriftsreifer Vertrag zugeschickt werden. Und dann kommt, wenn man Glück hat, eine vorformulierte Standardabsage per Mail. Punkt. Und wieder geht alles von vorne los. Bis die Resignation überhand nimmt und die Flucht in andere Bereiche angetreten wird.

Was in meinem Freundes- und Bekanntenkreis momentan passiert, ist fast nicht zu glauben, aber leider wahr. Ist das nur in der Werbung und den Medienberufen so?

Klau’s und Klau’s

Es muss irgendwann Mitte der 1980er gewesen sein, ich war ungefähr 5 Jahre alt. Meine Mutter nahm mich mit zum Einkaufen. Die letzte Station war ein Kiosk, in dem sie Zeitungen kaufte und ihren Lottoschein abgab. Ich machte mich währenddessen auf Entdeckungsreise durch den Laden. An einer Stelle blieb ich wie paralysiert stehen: an einem Korb voller Spielzeugtiere. Eine Kuh hatte es mir besonders angetan, und es dauerte nur Sekunden, bis sie in meiner Jackentasche verschwand. Kaum saßen wir wieder in ihrem Auto, zeigte ich meiner Mutter stolz meine neueste „Erwerbung“, worauf sie erst verwirrt, dann geschockt reagierte. „Hast du die einfach so mitgenommen?“ – „Ja.“ Und warum? Aus zwei Gründen: Zum einen fand ich die Kuh – rückblickend völlig unverständlich – so toll, dass ich sie unbedingt haben musste. Zum anderen fehlte mir in dem Alter etwas: das Unrechtsbewusstsein. Besitz und Diebstahl waren noch Fremdwörter für mich. Und das ist der entscheidende Punkt, der mich von vielen Menschen der heutigen Zeit unterscheidet.

Guttenberg klaut Informationen. Diebe klauen z.B. Lebensmittel. Internetuser klauen Alben und Filme. Social Media-User klauen Sprüche, Witze und Ideen. Und alle haben eines gemeinsam: Sie tun es, um etwas damit zu erreichen.

Bitte, was? Genau richtig: Ich verstehe die letzte Gruppe der „Kriminellen“ nicht, die Sprücheklauer! Ich verstehe den Gutenberg, Diebe in Supermärkten, Download-Diebe im Internet. Wobei „verstehen“ mehr als „nachvollziehen“ verstanden werden sollte. Weil sie alle etwas davon haben, wenn es auch geklaut ist. Aber was hat ein Twitterer davon, Tweets von anderen Twitterern zu klauen? Was haben Facebook-User davon, wenn sie die Tweets oder anderweitig verbreitete Witze in ihren Profilen posten?

Ich bin auch ein Twitterer, und zwar aus genau zwei Gründen: Ich will meinen „Gedankenmüll“ in möglichst witziger und besonderer Form absondern und im besten Fall meinen Followern damit ein bisschen Freude bereiten. Und zweitens will ich den witzigen und besonderen „Gedankenmüll“ anderer Twitterer lesen, die mir damit täglich Freude bereiten. Was ich nicht will, sind Witze in Tweet-Form, die ich schon aus Grundschulzeiten kenne. Was ich auch nicht will, sind gute Tweets, die ich in wöchentlichen Abständen bei immer wieder anderen Usern wiederfinde. Was bringt es denen, wenn ihre kreative Eigenleistung aus dem Drücken der Copy-Paste-Kombination besteht? Freut es sie wirklich, wenn daraus ein Tweet mit vielen Favs, also vielen „Gefällt mir“- Angaben, wird?

An dieser Stelle mache ich bewusst einen Unterschied zwischen Facebook-Witzeseiten und Twitterern, weil erstere sich oft wirklich nur als Sammelbecken lustiger Sprüche verstehen (die aber gerne auch Quellen verwenden dürfen), während sich letztere eigentlich als Kreative sehen. Und das sind die „Langfinger 2.0“ oft nur bei den Ausreden, warum sie denn z.B. Tweets klauen: Noch sehr schlicht ist dieses „Das macht doch jeder, dann darf ich das auch!“, schon außergewöhnlicher (auch was die Dreistigkeit betrifft) ist das die Ausrede, dass „ich ja noch ein Anfänger bei Twitter bin und noch nicht weiß, was hier geht und was nicht“. Ob diese Twitterin diese Argumente auch in einem neuen Klamottenladen nutzen würde, wenn sie dort mit 2 vollen Tüten Diebesgut vorm Eingang erwischt wird?

In romantischen Momenten stelle ich mir vor, dass diesen Leuten wie mir als kleinem Kind das Unrechtsbewusstsein fehlt und sie nicht bösartig täuschen wollten. Wenn ich dann wieder klar werde, denke ich daran, dass bei vielen der Intellekt und die geistige Reife nicht viel ausgeprägter sein dürften als bei mir damals. Aber ich war 5!

Das Fernsehen als Leidmedium

„Halt die Fresse du ver*piep*te Schlampe“ – „Du hast mich gar nichts zu sagen, du blöder W*piep*er!“

ZAPP

„Hallo, mein Name ist Menderes…“

ZAPP

„Horst ist 67 und lebt seit seiner Kindheit nur mit Kühen zusammen. Aber heute kommt Heidi…“

ZAPP

„Willkommen bei Galileo!“

ZAPP

„Und hier sind die RTLII News.“

(Geräusch des Fernseher-Auschaltens einfügen)

 

Bitte, was? Genau richtig: Ich verstehe nicht, was ich da in diesem zur audiovisuellen Hölle mutierten Gerät zu sehen bekomme. Es ist mir ein bisschen zu einfach, dabei immer von HartzIV-TV, Unterschichten-Fernsehen oder schlicht Müll zu sprechen, denn wenn man genau hinschaut, muss man sich eingestehen: Es ist noch schlimmer! Und es lässt sich in gefühlt 90% der Fälle unter dem Begriff ‚Leid‘ zusammenfassen. Denn entweder zeigt das Fernsehen das mehr oder minder grausame Leid der dargestellten Personen (die schwangere 13-Jährige, der jungfräuliche 41-Jährige, die Gesichtselfmeter in allen Sendungen der Privaten von 12-18 Uhr) oder es fügt uns Leid zu (mit der schwangeren 13-Jährigen, dem jungfräulichen 41-Jährigen, den Gesichtselfmetern in allen Sendungen der Privaten von 12-18 Uhr). Wenn ich dann tatsächlich mal den Fernseher anschalte, übersteigt die aufgebrachte Zeit für’s Umschalten der des Einen-Senders-Gucken um mindestens 300%. Oft dauert selbst das Ausschalten des Fernsehers länger als der Kampf, bei einer Sendung dranzubleiben.

Zum Glück ist das Alternativprogramm heutzutage unerschöpflich: DVDs, Internet, Smartphones – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das Problem ist nur: Scheinbar besitzt der Großteil der Bevölkerung keine der angebotenen Alternativen oder die Deutschen mögen die dargebotene Unterhaltung. Bei ersterem täten mir die Menschen echt leid. Bei letzterem wäre das Leid im Fernsehen eine Kopie des Leids vor dem Fernseher. Welch grausame Vorstellung!

Und da beschweren sich noch alle über die ständigen Wiederholungen. BITTE, liebe Fernsehsender: Bringt wieder Wiederholungen! Und wiederholt die Wiederholungen! Und zwar nicht die x-te Wiederholung der Nachmittags-Talkshows oder den grausamen Scripted-Reality-Shows, sondern Wiederholungen von ganz früher. Zeigt vor allem für die Kinder wieder richtige Zeichentrickfilme statt Animes und sinnreiche Sendungen wie „Es war einmal… Das Leben“, bei denen selbst Erwachsene noch was lernen können! Kickt Galileo und reaktiviert die Knoff Hoff-Show! Gebt dem Begriff ‚Nachrichtensendung‘ wieder seine ursprüngliche Bedeutung zurück!

So, genug aufgeregt. Es tut mir leid. Nicht.

 

Heil Merkel!

Es herrscht Krieg. Deutschland bündelt seine gesamte Streitkraft und marschiert nacheinander in  geschwächte europäische Länder ein: Italien, Spanien, Griechenland usw. An der Spitze der Großmacht Deutschland steht unsere Führerin Angela Merkel, die mit eiserner Hand ihre Truppen führt.

Bitte, was? Genau richtig: Ich verstehe nicht, was gerade nicht allzu weit entfernt von Deutschland passiert. Die aktuellen Bilder und Parolen aus Griechenland ließen erahnen, dass mein oben konstruiertes Szenario wahr wäre. Genau genommen – oder wie ich es verstehe – passiert doch grad Folgendes:

Ganz Europa, oder zumindest viele der südlichen Länder, stehen vor Staatspleiten. Oder vielmehr standen. Denn zum Glück gibt es die Europäische Union, die in solchen Fällen einschreitet und zur Hilfe eilt – in diesem Fall mit schier unvorstellbaren Summen in Milliardenhöhe (oder sind wir bereits im Billionenbereich?). Als größte bzw. reichste Nation muss Deutschland das Portmonee besonders weit aufreißen. Aber wie es scheint, tun wir das gerne. Wir helfen also anderen Ländern, die ohne unser Geld zugrunde gehen würden/könnten.

Und der Dank ist was? Hasstiraden? Hitler-Vergleiche? Geht’s euch noch gut oder verstehe ich da irgendwas falsch?

Ich muss da so ein bisschen an Szenen denken, wie ich einem Obdachlosen ein Brötchen geben wollte, er es aber wütend ablehnte und stattdessen Kohle haben wollte – trotz seines Schildes „Hab nichts zu essen!“. Zumindest hatte ich das Glück und wurde nicht Adolf genannt.

„Ich bin dumm!“

„Du bist Deutschland!“, „Das Wir gewinnt“ und jetzt „Ich bin dumm!“. Immer mehr wird die Bevölkerung Teil der öffentlichen Kommunikation. Egal ob in der Werbung, in der Politik oder in den Cutterstrophen. Cutterwas? Ja, Sie haben richtig gelesen: CU-TTER-STRO-PHEN. Das neue große Ding oder der größte Reinfall der Bloggeschichte – die Zukunft wird es zeigen.

Wir haben vorab schon einmal mit dem weltunbekannten Autor dieses Blogs gesprochen.

Redaktion: „Herzlichen Glückwunsch zum Start dieses Blogs. Damit unsere Leser nicht unnötig Zeit verschwenden: Erzählen Sie doch kurz, worum es hier bei den Cutterstrophen geht.“

Autor: „Darum!“

Redaktion: „Ach… bitte?“

Autor: „Kürzer ging’s nicht. In etwas länger hieße es: Darum! Und damit können Sie alles verbinden: Politik, Wirtschaft, Menschen und Justin Bieber. Oder anders gesagt: Es geht um Dinge, die ich nicht verstehe.“

Redaktion: „Verstehe ich nicht?!?“

Autor: „Siehste!“

%d Bloggern gefällt das: